Demokratie ist Teamarbeit – Wie Vereine sich gegen Rechtsextremismus stärken können

Wie lässt sich Demokratie im Alltag und im eigenen Verein verteidigen? Und wie reagiert man, wenn Rechtsextremismus versucht, sich dort zu etablieren? Um diese drängenden Fragen zu beantworten, kamen am 22. September knapp 80 Interessierte im Haus International in Kempten zusammen. Der Impulsvortrag „Verein(t) Demokratie verteidigen! Was tun, wenn Rechtsextremismus versucht, sich im Alltag/Verein zu etablieren“ zeigte dabei vor allem eins: Demokratische Strukturen entstehen nicht von selbst. Sie leben davon, dass Menschen sie gemeinsam gestalten.

Eröffnet worden war die Veranstaltung von Silvan Hecht. Er begrüßte neben zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern auch sechs Kemptener Stadträtinnen und Stadträte aus unterschiedlichen Fraktionen. In diesem Zusammenhang wurde die Bedeutung des gemeinsamen demokratischen Engagements über Parteigrenzen hinweg hervorgehoben.

Der Referent der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus stellte zunächst die Fachstelle vor. Sie unterstützt unter anderem Vereine, Verbände und zivilgesellschaftliche Initiativen im Umgang mit Rechtsextremismus und setzt dabei auf Beratung, Bildung und Vernetzung. Die Mobile Beratung ist Teil des Beratungsnetzwerks Bayern gegen Rechtsextremismus, zu dem außerdem F.U.E.R. und B.U.D. gehören.

Vereine als Spiegelbild der Gesellschaft

Im Fokus des Abends stand die Rolle von Vereinen als „Spiegelbild der Gesellschaft“. Als Orte zivilgesellschaftlichen Engagements sind sie zugleich Begegnungsräume, in denen gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar werden können. Damit können auch menschenfeindliche oder rechtsextreme Einstellungen in Vereinen zum Thema werden. Mithilfe des sogenannten Eisbergmodells veranschaulichte der Referent, dass sichtbare Vorfälle häufig nur ein Teil eines größeren gesellschaftlichen Problems darstellen. Im Vordergrund stand dabei die Frage, welche Einstellungen und Abwertungen hinter der konkreten Situation stehen können.

Rechtsextremismus betrifft die Gesellschaft insgesamt

Der Referent betonte, dass Rechtsextremismus nicht als ausschließliches Jugendproblem betrachtet werden könne, sondern als gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Auch die Zahlen der politisch motivierten Kriminalität zeigen die Größenordnung des Problems: Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) wurden 2024 insgesamt 84.172 politisch motivierte Straftaten registriert. 42.788 davon wurden dem Phänomenbereich „PMK-rechts“ zugeordnet – etwas mehr als die Hälfte der insgesamt erfassten Fälle.

Publikum sitzt mit dem Rücken zur Kamera for der Bühne. Die Koordinierungs- und Fachstelle hält soeben auf der Bühne die Begrüßung.
Silvan Hecht begrüßt als Koordinierungs- und Fachstelle die anwesenden Gäste und den Referenten. Foto: Dorothea Ionescu

Der Referent ordnete die AfD in seinem Vortrag als „Gravitationszentrum“ und „Sammlungspartei“ des rechten Milieus ein. Nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks beschäftigten die AfD-Bundestagsfraktion und Abgeordnete der Partei mehr als 100 Mitarbeitende, bei denen Verbindungen in rechtsextreme Milieus beziehungsweise zu entsprechend eingeordneten Organisationen festgestellt wurden.

Anhand von Zitaten, unter anderem von Götz Kubitschek, zeigte der Referent auf, welche Vorstellungen Teile der extremen Rechten von einem grundlegenden „Umbruch der Zivilgesellschaft“ anstreben. Dabei ging es nicht nur um offene Gewalt.

Taktiken wie inhaltliche Verschiebungen, Memes auf Social Media und kalkulierte Tabubrüche dienen dazu, die Demokratie schleichend zu schwächen. Häufig wird in diesem Kontext von Vereinen und Einzelpersonen „Neutralität“ eingefordert.

Der Referent unterschied in diesem Zusammenhang zwischen parteipolitischer Zurückhaltung und einer klaren Haltung zu demokratischen Grundwerten und betonte, dass Vereine für diese Werte und gegen menschenfeindliche Positionen eintreten können.

Der Referent zeigte außerdem verschiedene Formen auf, mit denen zivilgesellschaftliche Akteure unter Druck geraten können, etwa Drohungen mit dem Entzug von Fördergeldern, Shitstorms in rechten Medien, Unterwanderungsversuche oder die gezielte Nutzung parlamentarischer Instrumente. Nach seiner Einschätzung können solche Strategien darauf abzielen, engagierte Menschen zu verunsichern und ein Klima der Angst zu erzeugen.

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es?

Laut Referent gibt es eine pauschale Patentlösung für den Umgang mit rechtsextremen oder menschenfeindlichen Vorfällen nicht. Der Abend zeigte jedoch verschiedene Möglichkeiten auf, wie Vereine sich frühzeitig mit möglichen Situationen auseinandersetzen können.

  • Satzungen und Leitbilder überprüfen und gegebenenfalls ergänzen
  • klare Zuständigkeiten und Ansprechpersonen festlegen
  • solidarische Netzwerke aufbauen
  • mögliche Konfliktsituationen gemeinsam durchspielen
  • bei Vorfällen nicht schweigen oder wegsehen
  • Betroffene unterstützen und demokratische Positionen deutlich vertreten
Verschiedene Flyer und Broschüren liegen auf einem Tisch aus
Ausreichend Infomaterial stand den Gästen am Flyerstand zur Verfügung. Foto: Dorothea Ionescu

Da sich Grenzen häufig schleichend verschieben, sei es wichtig, frühzeitig das Gespräch zu suchen und menschenfeindlichen Aussagen klar entgegenzutreten.

Fazit und starker Ausblick

In der anschließenden Fragerunde wurden Themen wie der Umgang mit rechten Narrativen, interne Konflikte durch rechtsextreme Aussagen von Vereinsmitgliedern und der Umgang mit demokratiefeindlichen Kräften im parlamentarischen Raum diskutiert.

Ein wiederkehrender Gedanke des Abends war, dass demokratische Strukturen nicht selbstverständlich sind. Sie müssen gestaltet, geschützt und gemeinsam getragen werden. Dabei können Vereine eine wichtige Rolle spielen: als Orte der Begegnung, des Austauschs und der gesellschaftlichen Teilhabe.

Am Ende blieb eine zentrale Botschaft des Abends: „Demokratie ist Teamarbeit.“

Politischer Vortrag – Patient vs. Profit

10. Juni um 18:00 – 19:30

Unser Gesundheitssystem steht zunehmend im Spannungsfeld zwischen Versorgungsqualität und Kostendruck.  Doch ist ein Gesundheitssystem denkbar, das gleichzeitig leistungsfähig und kostengünstiger ist?

Diesen spannenden Fragen widmet sich der Vortrag mit: Ingmar Niemann, Politikwissenschaftler & Lehrbeauftragter an der Hochschule Kempten

Datum: Mittwoch, 10. Juni 2026
Uhrzeit: 18:00 Uhr
Ort: Raum V308, Hochschule Kempten (V-Gebäude) Bahnhofstraße 61, Kempten

Im Anschluss an den Vortrag gibt es die Möglichkeit zum Austausch und Networking.

Dies ist eine Veranstaltung des Sowiso Vereins.

Sowiso e.V.

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Raum V308, Hochschule Kempten

Bahnhofstraße 63
Kempten (Allgäu), 87435
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Differenziert über den Nahostkonflikt sprechen – Vortrag an der VHS Kempten

Rund 30 interessierte Bürgerinnen und Bürger kamen in der Volkshochschule Kempten zusammen, um sich im Rahmen des Vortrags „Differenziert über den Nahostkonflikt sprechen: Der Krieg zwischen Israel und der Hamas im historischen und politischen Kontext“ mit einem der derzeit an den stärksten polarisierten Themen auseinanderzusetzen.

Referent Dr. Sascha Ruppert-Karakas rechts im Bild zu Beginn des Vortrags
Dr. Sascha Ruppert-Karakas zu beginn seines Vortrages, Foto @Silvan Hecht

Der Politikwissenschaftler Dr. Sascha Ruppert-Karakas (LMU München) machte zu Beginn deutlich, dass der Abend keinen vollständigen Überblick über die gesamte Konfliktgeschichte leisten könne. Ziel sei vielmehr eine faktische Einordnung eines stark emotionalisierten Diskurses – mit dem Anspruch, politische Logiken zu verstehen, ohne Gewalt oder Akteure zu rechtfertigen. Der Vortrag bewegte sich dabei bewusst innerhalb einer liberal-demokratischen Perspektive, orientiert an Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus.

Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der Frage, warum undifferenziertes Sprechen über den Nahostkonflikt problematisch ist. Ruppert-Karakas zeigte auf, dass vereinfachende Narrative autoritären Akteuren nutzen, zivilgesellschaftliche Stimmen marginalisieren und den Konflikt zur Projektionsfläche innerdeutscher Auseinandersetzungen machen. Der Ruf nach „klaren Positionen“ greife dabei häufig zu kurz und blende die reale Komplexität aus.

Der Referent erklärt dem interessierten Publikum welche Narrative hinter dem Begriff Terrorhochburg stecken
Dr. Sascha Ruppert-Karakas erklärt dem interessierten Publikum, welche Narrative und Probleme hinter dem Begriff „Terrorhochburg“ stecken, Foto @Mariella Simnacher

Inhaltlich spannte der Vortrag einen Bogen vom historischen Kontext der Gewaltspiralen über die gescheiterten Oslo-Friedensverhandlungen bis hin zur Eskalation seit dem 7. Oktober 2023. Dabei wurde sowohl das von der Hamas verübte Massaker an der israelischen Zivilbevölkerung als auch die militärische Reaktion Israels und deren gravierende humanitäre Folgen für die Zivilbevölkerung in Gaza klar benannt und völkerrechtlich eingeordnet.

Besonders diskutiert wurde die scheinbare Unlösbarkeit des Konflikts. Ruppert-Karakas zeigte, wie sich auf beiden Seiten über Jahrzehnte hinweg Gewalt, Polarisierung und Dehumanisierung gegenseitig verstärkt haben – und welche Interessen autoritäre Akteure an der Fortführung dieses Zustands haben. Zugleich nahm er verbreitete Deutungsmuster kritisch in den Blick, etwa die Gleichsetzung Gazas mit Hamas oder vereinfachende Begriffe wie „Terrorhochburg“, die analytisch mehr verdecken als erklären.

In der anschließenden Fragerunde, die intensiv genutzt wurde, ging es nicht nur um den Konflikt vor Ort, sondern auch um die Situation in Deutschland: Wie kann hierzulande differenziert und würdevoll über Israel und Palästina gesprochen werden, ohne Antisemitismus, Rassismus oder Kollektivzuschreibungen zu reproduzieren? Die Diskussion zeigte deutlich das Bedürfnis nach Orientierung und nach einem Diskursraum jenseits von moralischer Zuspitzung.

Das Publikum mit Organisator Silvan Hecht und Referenten Sascha Ruppert-Karakas im Gespräch, wie würdevoll zu dem Thema gesprochen werden kann.
Das Publikum mit Organisator Silvan Hecht und Referenten Sascha Ruppert-Karakas im Gespräch, wie würdevoll zu dem Thema gesprochen werden kann, Foto @Mariella Simnacher

Auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung blieben zahlreiche Teilnehmende noch vor Ort, um im persönlichen Austausch mit dem Referenten, dem Veranstalter und untereinander weiterzudiskutieren.

Organisiert und finanziert wurde der Vortrag von der Koordinierungs- und Fachstelle „Demokratie leben!“ Kempten (Silvan Hecht) in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Kempten. Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig es ist, gerade bei hochumstrittenen Themen Räume für differenzierten, respektvollen und informierten Austausch zu schaffen.

Unter dem Titel Miteinander Kempten gestalten gehört die Stadt Kempten zu zahlreichen Städten und Landkreisen, die im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! als Partnerschaft für Demokratie gefördert werden. Das Programm wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert. Kempten erhält jährlich 140.000 Euro zur Unterstützung von Projekten, die demokratisches Engagement fördern und die Gesellschaft zusammenbringen.

Miteinander Kempten Gestalten Logo gemeinsm mit dem Demokratie Leben! Logo

Vortrag: Differenziert über den Nahostkonflikt sprechen

12. Dezember 2025 um 19:00 – 20:30

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas im historischen und politischen Kontext

Der Krieg zwischen Israel und der Hamas beschäftigt weltweit Politik, Medien und Gesellschaft – auch bei uns. Die öffentliche Debatte ist emotional aufgeladen und oft geprägt von vereinfachten Sichtweisen. Doch wie lässt sich über diesen Konflikt sprechen, ohne in Parteinahme oder Pauschalisierungen zu verfallen?

Der Politikwissenschaftler Dr. Sascha Ruppert-Karakas gibt in seinem Vortrag eine differenzierte Einordnung des aktuellen Konflikts zwischen Israel und der Hamas. Er beleuchtet historische Hintergründe, politische Entwicklungen und internationale Einflussfaktoren und zeigt auf, wie eng Geschichte, Religion, Machtpolitik und menschliches Leid miteinander verwoben sind.

Zugleich geht es um die Frage, welche Verantwortung westliche Gesellschaften im Umgang mit diesem Konflikt tragen und wo die Grenzen des Sagbaren verlaufen. Der Vortrag lädt ein, Informationen zu vertiefen, Perspektiven zu reflektieren und Wege zu einem respektvollen Diskurs zu finden.

Nach dem circa einstündigen Vortrag wird es die Möglichkeit geben direkt Fragen an Dr. Sascha Ruppert-Karakas zu stellen.

Hier geht’s zur Anmeldung!

Kostenlos Eintritt

Koordinierungs- und Fachstelle Demokratie leben!

+49 160 4624512

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Raum V308, Hochschule Kempten

Bahnhofstraße 63
Kempten (Allgäu), 87435
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